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"Glücksfall Altenheim"



Die meisten Senioren wollen möglichst lange in ihrem Zuhause leben. Anderen aber hilft ein Heim, eine Familie zu finden oder mit dem Partner leben zu können.


Selbst an ihrem Geburtstag ist es Lisbeth Suck, die ihre Gäste beschenkt, so dass mancher mit einer kleinen Flasche Sekt die Feier verlässt. Zu der hat sie ins Johannes-Heim eingeladen. Dort lebt sie, weil sie das vor langer Zeit selbst so beschlossen hat: „Das ist 21 Jahre her, ich hatte damals einen Beinbruch“, steht auf einem Blatt.


Wer die 101-Jährige etwas fragen möchte, schreibt es auf. So kommuniziert sie, seitdem sie nichts mehr hört. Lisbeth Suck antwortet manchmal selbst auf Papier, weil sie gern schreibt und liest. Es ist noch nicht lange her, da hat sie mit ihrer Gruppe im Haus gesungen und gebetet, ging regelmäßig in die Gemeinde nebenan.


Was sie sich nach wie vor nicht nehmen lässt: ihre Mitmenschen zu beschenken. Seit kurzem geht sie nun nicht mehr selbst mit dem Rollator in die Stadt, bittet aber stattdessen jemanden, ihr die Präsente mitzubringen. Mit den Blumen klopft sie dann bei der Nachbarin, vergisst nie die bettlägerigen Bewohner.


„Sie denkt einfach immer an die anderen, ist selbst zufrieden und bescheiden“, so kennt Wilma Rupietta ihre Freundin seit 70 Jahren. Lisbeth Suck hat allein gelebt, ihr Verlobter „blieb im Krieg“. Ihre vier Geschwister sind inzwischen gestorben. „Ich bin so dankbar für dieses Haus“, sagt sie.


Das wurde zunächst in den 50ern für Lehrlinge eingerichtet, seit den 70ern werden an der Söllingstraße Senioren betreut. „Zunächst waren es Witwen“, sagt Inge Schwarze, Leiterin des Johannes-Heims, das in Sichtweite des Rathauses liegt.

„Manche leben schon sehr lange hier, so dass sie sich gut kennen, so etwas wie eine Familie sind“, beschreibt sie.


Heute ist es aber auch bei ihnen vielmehr so, dass die Menschen erst einziehen, wenn sie sehr krank sind, wenn es nicht mehr anders geht.

Eine Art Familie


Walter Dickmann (92) hingegen hätte sehr wohl weiter in seinem Haus leben können – aber nicht mehr mit seiner Frau. Als sie krank wurde, fuhren sie anfangs noch mit Rollstuhl in den Urlaub.


Später schleppte er sie von Zimmer zu Zimmer, erzählt er von der Situation, die unerträglich wurde. Ebenso unmöglich wäre es für ihn aber gewesen, seine Frau allein in ein Altenheim ziehen zulassen. „Ich hätte sie nie abgeschoben.“ Lange Zeit suchte er, denn niemand wollte ihn ohne Pflegestufe mit aufnehmen.


Vor zehn Jahren zogen sie dann an die Söllingstraße, jeder in sein Zimmer. Die meiste Zeit aber, verbringt der 92-Jährige am Bett seiner Frau, reicht ihr das Essen, hält ihre Hand und streichelt ihr über den Kopf. Manchmal braucht er etwas Zeit, um sie „aus ihren Phantasien zurückzuholen“, dann erkennt sie ihn wieder. Er singt mit ihr, liest ihr etwas vor. „Ich locke sie mit Ansätzen von Max und Moritz, und sie spricht ganze Sätze“, erzählt er, berichtet von ihrer Hochzeit 1950 und seiner Arbeit in der Holzbranche, in der er es bis zum Prokuristen brachte. Was aber auch bedeutete, dass seine Frau oft allein war und die beiden Töchter groß zog. „Hier kann ich einiges wieder aufholen, einiges wieder gutmachen“, hofft Walter Dickmann.


Für sie ist das Altenheim ein Glücksfall, sagt er, weil sie zusammen sind: „Wir fühlen uns wohl.“


Gegen die Vereinsamung

Er wünscht sich und seiner Frau, nach einem erfüllten Leben einen guten Abschluss zu finden. Allein lässt er sie nur noch, wenn er den Singkreis auf dem Synthesizer begleitet oder schlafen geht. Seine Frau bekommt aber auch weiteren Besuch: Dann steht Lisbeth Suck vor ihrer Tür.


In wenigen Tagen wird sie einen neuen Mitbewohner begrüßen können, sagt Inge Schwarze. Er ist 92 Jahre alt, hat keine Pflegestufe, „droht aber zu vereinsamen“.


Die ältesten Essener

In Essen leben derzeit 126 Frauen, die 100 Jahre alt sind oder älter. Bei den Männern sind es 19.


Die älteste Essenerin feiert am kommenden Samstag Geburtstag:

Sie wird 109 Jahre alt.

Der älteste Essener ist derzeit 104 Jahre alt.

Zu den Essenern, die mindestens 90 Jahre alt sind, gehören 4477 Frauen sowie 1122 Männer.



Dominika Sagan

Die WAZ berichtetete am 07.3.2013 in ihrer Ausgabe der Tageszeitung und auch online:

Der Bericht online auf derwesten.de